- Widerrufsrecht: 14 Tage ab Vertragsschluss (§ 355 BGB).
- Erlischt vorzeitig bei dokumentierter Zustimmung zum Sofortbeginn.
- Ohne korrekte Widerrufsbelehrung: Frist verlängert sich auf 12 Monate und 14 Tage (§ 356 Abs. 3 BGB).
Das Widerrufsrecht bei digitalen Diensten beträgt 14 Tage ab Vertragsschluss (§ 355 BGB), erlischt aber vorzeitig, wenn Sie ausdrücklich dem sofortigen Beginn zugestimmt und bestätigt haben, dass Sie Ihr Widerrufsrecht verlieren: bei digitalen Inhalten schon mit Beginn der Ausführung (§ 356 Abs. 5 BGB), bei digitalen Dienstleistungen wie Streaming und SaaS erst mit vollständiger Erbringung (§ 356 Abs. 4 BGB, jeweils seit 28.05.2022). Ohne diese dokumentierte Zustimmung bleibt das Widerrufsrecht voll bestehen, auch wenn Sie den Dienst bereits nutzen.
Die Reform im Überblick: Was sich am 28. Mai 2022 geändert hat
Die Reform betrifft eine spezielle Kategorie von Online-Verträgen: digitale Produkte, also digitale Inhalte wie Musik-Downloads und E-Books sowie digitale Dienstleistungen wie Streaming, Cloud-Software und Online-Plattformen. Vor der Reform wurden diese Verträge im Widerrufsrecht oft wie Kaufverträge behandelt, obwohl sie anders funktionieren.
Genau genommen griffen drei Gesetzgebungsakte kurz hintereinander: Zum 1. Januar 2022 führte die Umsetzung der DIDRL, der Richtlinie (EU) 2019/770, die §§ 327 ff. BGB ein: das Gewährleistungsrecht für digitale Produkte. Zum 28. Mai 2022 folgte die Umsetzung der Modernisierungsrichtlinie, der Richtlinie (EU) 2019/2161, mit den neu gefassten Widerrufsvorschriften §§ 356 Abs. 4 und 5, 357a BGB. Und seit dem 1. Juli 2022 verlangt § 312k BGB den Kündigungsbutton.
Die wichtigsten gesetzlichen Änderungen im Überblick:
In der Online-Diskussion kursiert häufig eine Verweisung auf "§ 356d BGB" als angebliche Regelung für digitale Dienste. Das ist falsch. § 356d BGB regelt das Widerrufsrecht bei unentgeltlichen Darlehensverträgen und unentgeltlichen Finanzierungshilfen und hat mit digitalen Diensten nichts zu tun. Die korrekten Normen sind § 356 Abs. 4 und 5 BGB für das Erlöschen des Widerrufsrechts und § 357a BGB für den Wertersatz. Wer in einer Abmahnung oder einem Schreiben auf § 356d BGB verwiesen wird, sollte das sorgfältig prüfen lassen.
Welches Widerrufsrecht gilt bei welchem Dienst?
Nicht bei allen digitalen Diensten gelten dieselben Regeln. Eine Ampel-Übersicht:
BGH-Rechtsprechung: Aktuelle Klärungen
Im Streitfall ging es um ein Vorteilsprogramm eines Versandhändlers: einmalige Zahlung von 9,90 €, zwölf Monate Laufzeit, automatisches Vertragsende. Der BGH stellte klar: Auch ein solcher Vertrag ist ein Dauerschuldverhältnis im Sinne des § 312k BGB. Entscheidend ist die fortlaufende Leistungspflicht des Unternehmers, nicht eine wiederkehrende Zahlungspflicht des Verbrauchers. Eine Kündigungsschaltfläche muss daher auch hier bereitgestellt werden.
Für Verbraucher: Stellt ein Dienst die vorgeschriebene Kündigungsschaltfläche nicht bereit, kann der Verbraucher den Vertrag jederzeit und ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist kündigen (§ 312k Abs. 6 BGB).
Ein Online-Partnervermittlungsportal hatte nach dem Widerruf eines Nutzers den Großteil des Entgelts als Wertersatz einbehalten, mit dem Argument, die Hauptleistung sei bereits zu Vertragsbeginn erbracht worden. Der BGH lehnte das im Anschluss an den EuGH (C-641/19) ab: Der Wertersatz nach einem Widerruf ist grundsätzlich zeitanteilig zu berechnen. Der Anbieter kann den Leistungsbegriff nicht durch AGB so umdefinieren, dass das Widerrufsrecht wirtschaftlich entwertet wird.
Was tun bei einem berechtigten Widerruf?
Schriftlich, E-Mail genügt, mit klarer Aussage: "Ich widerrufe meinen Vertrag vom [Datum]." Kein Grund erforderlich. Frist: 14 Tage ab Vertragsschluss. Bei fehlender oder fehlerhafter Widerrufsbelehrung verlängert sie sich auf 12 Monate und 14 Tage (§ 356 Abs. 3 BGB).
Nach § 357 BGB muss der Anbieter den gezahlten Betrag innerhalb von 14 Tagen erstatten. Einbehaltung ist nur bei dokumentierter Zustimmung zur Nutzung vor Fristablauf möglich, dann fällt anteiliger Wertersatz nach § 357a BGB an.
Verweigert der Anbieter die Rückzahlung trotz eines berechtigten Widerrufs, wenden Sie sich an die zuständige Verbraucherzentrale oder stellen einen Antrag bei einer Allgemeinen Verbraucherschlichtungsstelle (§ 4 Abs. 2 VSBG).
Bei Zahlung mit Kreditkarte: Chargeback beim Kartenaussteller ist ein letztes Mittel, wenn alle anderen Wege scheitern. Frist beim Kartenaussteller beachten (typisch 120 Tage ab Transaktion).
Fazit zum Thema Widerrufsrecht bei digitalen Diensten
Bei Streaming, SaaS und anderen digitalen Diensten haben Sie 14 Tage ab Vertragsschluss ein Widerrufsrecht nach § 355 BGB. Es erlischt nur, wenn Sie ausdrücklich dem Sofortbeginn zugestimmt und bestätigt haben, dass Sie Ihr Widerrufsrecht verlieren, bei Inhalten mit Beginn der Ausführung, bei Dienstleistungen erst mit vollständiger Erbringung. Fehlt diese dokumentierte Bestätigung, bleibt das Widerrufsrecht voll bestehen, und ohne korrekte Belehrung verlängert sich die Frist auf 12 Monate und 14 Tage. Wertersatz schulden Sie nur bei ausdrücklichem Verlangen des vorzeitigen Beginns, und dann nach dem BGH nur zeitanteilig. Verweigert der Anbieter die Rückzahlung trotz berechtigtem Widerruf, gehen Sie zur Verbraucherzentrale oder Verbraucherschlichtungsstelle und lassen Sie bei höheren Beträgen einen Anwalt für Verbraucherrecht prüfen, ob die AGB-Klauseln überhaupt wirksam sind.
Das Widerrufsrecht greift, wenn der Vertrag noch läuft. War die AGB-Klausel von Anfang an unwirksam, kommt stattdessen der Rückforderungsanspruch nach § 812 BGB in Betracht, unabhängig von Fristen. Außerdem erklärt unser Ratgeber zu unwirksamen Bonusbedingungen, welche Klauseln bei Online-Diensten der §§ 307–309 BGB-Prüfung nicht standhalten. Welche Anbieter in Deutschland eine GGL-Lizenz haben und was das für den Verbraucherschutz bedeutet, zeigt der Überblick zu legalen Online-Casinos.
- § 355 BGB, Widerrufsrecht bei Verbraucherverträgen, gesetze-im-internet.de
- § 356 Abs. 3, 4 und 5 BGB, Widerrufsrecht bei außerhalb von Geschäftsräumen geschlossenen Verträgen und Fernabsatzverträgen, gesetze-im-internet.de
- §§ 357, 357a, 357b BGB, Rechtsfolgen des Widerrufs und Wertersatz, gesetze-im-internet.de
- § 312k BGB, Kündigungsschaltfläche, gesetze-im-internet.de
- §§ 312f, 312g, 327, 356d, 495 BGB, gesetze-im-internet.de
- § 4 Abs. 2 VSBG, Allgemeine Verbraucherschlichtungsstelle, gesetze-im-internet.de
- Richtlinie (EU) 2019/770 über digitale Inhalte und Dienstleistungen und Richtlinie (EU) 2019/2161, Modernisierungsrichtlinie, eur-lex.europa.eu
- Art. 6 Verordnung (EG) Nr. 593/2008, Rom I-VO
- BGH, Urteil vom 22.05.2025, Az. I ZR 161/24, Kündigungsbutton auch bei Einmalzahlung, bundesgerichtshof.de
- BGH, Urteil vom 06.05.2021, Az. III ZR 169/20, zeitanteiliger Wertersatz nach Widerruf eines Online-Partnervermittlungsvertrags, im Anschluss an EuGH, Rs. C-641/19
- Verbraucherzentrale, verbraucherzentrale.de
JuraRat.de Redaktion · Rechtsstand geprüft am 21.07.2026
